Mein Alltag als Schaf

Expedition in die Küche

1. 2. 2004 · Mein Alltag · Drucken

In so gut wie jedem Haushalt gibt es einen Kühlschrank, das habe ich gehört. Ich als Schaf bin da nicht so auf dem Lau­fenden – mein Essen wächst schließlich auf der Weide.

Ein Kühlschrank ist recht nützlich, weil er das in ihm abgestellte Essen kalt und frisch hält. Manche haben sogar therapeutische Funktionen. Ich habe von einem Kühlschrank namens Bosch gelesen, der seinem Besitzer, einem Schrift­steller aus München, seit langer Zeit ein intimer Freund ist. Sie führen Gespräche über Gott und die Welt mit­einan­der. Das finde ich gut, die meisten anderen Kühlschränke ha­ben keine Gesprächspartner.

Wie auch immer, für mich sind Kühlschränke mysteriöse Wesen. Sie sind – verglichen mit mir – sehr groß und meistens auch recht verschlossene Typen. Vor allem weiß niemand, was in ihnen so vor sich geht, wenn die Tür zu ist. Wenn das Innere den Blicken der Außenwelt entzogen ist, können Kühlschränke damit ja praktisch machen, was sie wollen.

Was mich besonders beschäftigt, ist die Frage, ob der ver­schlossene Kühlschrank innen dunkel oder hell ist. Da ist ja ein Licht drin und immer, wenn jemand die Tür öffnet, ist das auch eingeschaltet. Wenn die Tür zu ist, könnte es im Kühlschrank wie in jedem anderen Schrank eigentlich dun­kel sein. Aber der Kühlschrank kann doch nicht wissen, wann je­mand kommt, um in ihm nach Speisen zu suchen. Darum ver­mute ich, dass das Licht vielleicht immer an ist. Das wäre auch nicht schlecht, vielleicht haben Käse und Wurst ja Angst im Dunkeln. Ich weiß darüber leider nicht Bescheid, ich bin ein kleines Schaf mit einem noch kleineren Kopf.

Al­so habe ich neulich meinen ganzen Mut zusammen genommen und eine Expedition in die Küche unternommen, um dieses Rät­sel zu ergründen. Ein wenig mulmig war mir schon zumute, aber die Neugier hat obsiegt. Der Kühlschrank Bosch von dem Herrn Hacke ist auch ganz lieb, der hat nur eine Abneigung gegenüber anderen Küchengeräten. Was sollte mir als Schaf schon passieren? Eventuell würde es etwas kalt drinnen, aber dafür habe ich ja praktischerweise ein Fell.

Ich machte mich also auf den Weg in die Küche, ließ mir die Kühlschranktür öffnen und kletterte hinein. Nun sollte die Tür von außen wieder verschlossen werden, damit ich sodann das Geheimnis lüften konnte.

Nun. Jetzt sollte ich mich vielleicht räuspern. Kurz bevor die Tür ganz zu war, habe ich mir meine Pfoten vor die Augen gehalten, aus Angst vor dem Un­be­kann­ten. Und dann kam mir in den Sinn, dass der Kühlschrank auch seine Intimsphäre braucht – wenn schon keiner mit ihm spricht. Darum habe ich die Tür wieder öffnen lassen und bin un­verrichteter Dinge zurück ins Schlafzimmer gewandert, wo ich wohne. Ich hoffe, der Kühlschrank dankt mir diesen Res­pekt vor seinem Privatleben demnächst mit einem gut ge­kühl­ten Büschel Gras.

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Ich bin ein etwa fünf Jahre altes Kuschelschaf und lebe unter Menschen. Was Du sonst noch über mich wissen musst, erfährst Du im Porträt.

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